Als Christianum („das Christliche“) bezeichnen die christlichen Studentenverbindungen die Gesamtheit ihrer auf den Geboten der Bibel basierenden Strukturen und Normen (Prinzip). Gottesdienste bzw. Ernste Feiern, Andachten und Ausspracheabende über theologische Probleme, aber auch die individualsozialethischen Verpflichtungen der Bundesbrüder resultieren aus dem Christianum. Dem Wingolfs- und dem Schwarzburgbund eignet das Christianum von Anfang an, seit sich in den 1820er Jahren in Abwehr eines verwilderten korporativen Lebensstils allerorten Bibel- und Erbauungskränzchen bildeten, aus denen sich zunächst „studentische Vereine“ (seit 1836) und schließlich (seit 1844/45) die farbentragenden Verbindungen des Wingolfs- und des Schwarzburgbundes entwickelten. Die Frömmigkeit der zumeist Theologie studierenden Mitglieder der Kränzchen, Vereine und Verbindungen ist ein Teil des romantischen Zeitgeists der ersten beiden Drittel des 19. Jahrhunderts. Der Wingolf fasste und fasst sein Christianum in die 1848 vom Hallenser Wingolf geprägte Devise „Durch einen alles!“ (griechisch Panta di’Henos!, später Di’Henos Panta!). Dieses abgewandelte Zitat aus Philipper 4,13 begründet für das Verbindungsleben einen Christozentrismus paulinischer Prägung, der, ungeachtet aller Überkonfessionalität des Wingolfs, ohne Luther und die evangelischen Theologen der ersten beiden Wingolfsgenerationen nicht denkbar wäre. Die Bergpredigt Jesu wurde, nicht zuletzt im Blick auf die Probleme der Sexualität, zur verbindlichen Lebensregel.
Dagegen ist unter dem Corporativum („Das Korporationseigene“) der traditionelle Stil eines studentischen Männerbundes zu verstehen. Seine Elemente wie Konvent und Komment, Kommers und Kneipe, Mütze (Kopfcouleur), Band (Couleur) und Wichs reichen teilweise ins Mittelalter, großenteils ins 18. Jahrhundert zurück; sie fanden ihre klassische Ausprägung und Kombination in und nach den Befreiungskriegen von 1813 – 1815. Dass das zunächst verteufelte Corporativum, wenn auch mit den entscheidenden Abstrichen eines Verzichts auf übermäßigen Alkoholgenuss und einer Verwerfung von Duell und Mensur, in den christlichen Studentenverbindungen zurückkehrte, ist keineswegs selbstverständlich, sondern ein Indiz dafür, dass bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts keine gleichwertigen Organisationsformen einer studentischen Lebensgemeinschaft hatten entwickelt werden können. Darüber hinaus jedoch ist die Aufnahme des Corportivums im Revolutionsjahrzehnt 1840/50 ein Bekenntnis zur Demokratie; dass das dreifarbige Band (Couleur) auf die Trikolore der Französischen Revolution zurückgeht, war den argwöhnischen Behörden der Reaktion nur zu genau bekannt.
Bis heute bestimmt das spannungsreiche Ineinander von Christianum und Corporativum Existenz, Stil, Selbstverständnis und Gefährdung der christlichen Studentenverbindung, des Wingolfs- und Schwarzburgbundes ebenso, wie der etwas jüngeren katholischen Verbände CV (1856) und KV (1865). Eine Störung dieses polaren Gleichgewichts bestand früher zumeist darin, dass die eine oder die andere Seite das Übergewicht erhielt. Verschob sich die Polarität zugunsten des Christianums (was angesichts der zahlreichen Theologen in der Aktivitas leicht geschehen konnte), dann stieg zumeist die Zahl der Andachten, Ernsten Feiern, Bibelstunden und Prinzipdebatten ins Unangemessene. Fast stets erschienen Couleur und Komment dann als fragwürdig oder zumindest belanglos; korporative Strukturen wie das Institut des Leibburschen oder die Hierarchie von Fuchs, Bursch und Chargiertem (Charge) wurden im Sinne geistlicher Funktionen (Beichtvater und Beichtkind, Ordensdisziplin usw.) umgedeutet. Skrupel umgaben den Alkoholkonsum; Gesetzlichkeit und Richtgeist wachten über die Einhaltung des Sittlichkeitsprinzips (Prinzip), und die Keuschheit des Bundesbruders wurde nicht selten zum Konventsfall.
Wenn dagegen das Corporativum überwog, konnte es zu Schikanen von Seiten der Chargierten oder Leibburschen kommen, zumindest aber zu übler Kommentfuchserei und zu strenger Ahndung jeglicher „Couleurschande“. Die äußeren Formen des Verbindungslebens wurden vergötzt und mit einem Gewicht ausgestattet, dass ihnen von Rechts wegen niemals zukam. Ein scharfer, l’art pour l’art gehandhabter Trinkkomment (Komment) legitimierte nicht selten schlimme Saufereien und – auf dem Umweg über ein strafweise geübtes In-die-Kanne-Schicken (Kanne) – die Neuauflage eines längst abgeschafft geglaubten Pennalismus.
Die moderne Gefährdung der christlichen Studentenkorporationen ist freilich nicht mehr das einseitige Übergewicht des Christianums oder des Corporativums, sondern die Halbherzigkeit gegenüber beiden. Wir schämen uns des christlichen Anspruchs unserer Geschichte und unseres Prinzips und verschweigen beim Keilen das Christianum oder spielen es herunter – als brächte uns das Bekenntnis zu dem Einen
Herrn in die Nachbarschaft von Muckern und Sektierern. Aus falscher Rücksicht auf das „Gewissen“ solcher Bundesbrüder, die in einer christlichen Studentenverbindung doch fehl am Platze sind, unterbleibt etwa das Tischgebet bei der gemeinsamen Mahlzeit, werden Andachten und Ernste Feiern oft für inoffiziell erklärt. Die sittliche Strenge er Wingolfsväter ist weiterhin einer Haltung gewichen, die mehr mit egoistischer Verantwortungslosigkeit als mit Liebe zu tun hat. Hier und da erwägt oder propagiert man die Mitgliedschaften von Buddhisten, Muslimen oder
überzeugten Atheisten. Auf der anderen Seite verfällt das Corporativum mehr und mehr. Der Komment wird preisgegeben, die Dispenspflicht (Dispens) aufgehoben, auf Couleur und Kleiderordnung verzichtet. Die ehrwürdigen, lateinisch-deutschen Kommandos des Kneipkomments werden in einer Art von Pennälerkomment veralbert („der Cantus stolpert über seine letzte“), während bildungspolitische Skrupulanten die Auffassung vertreten, dem ohne Latinum zum Studium gekommenen Bundesbruder könnten lateinische Sätze und Floskeln nicht zugemutet werden.
Beide, Christianum und Corporativum, sind wieder ernst zu nehmen und, wenn nötig, neu zu erlernen bzw. einzuüben. Der Wingolfit muss für sich, seine Verbindung und für die Außenstehenden die Maßstäbe der Bibel und des Christentums erkennen, annehmen und vorleben; das darf nicht in verkrampfter Enge geschehen, sondern nur in der Freiheit, zu der uns Christus berufen hat. Als Hilfe zur Ordnung unseres Lebensbundes hat sich das Corporativum bewährt. Der Komment mit seinen tausend Regeln ist ja nicht Selbstzweck, sondern ein ererbtes Instrument, das man beherrschen muss, um darauf – als Homo ludens – spielen zu können. Im Corporativum wird das Christianum bewahrt und weitergegeben; durch das Christianum wird das Corporativum geadelt, aber auch begrenzt.
Quelle: Kleines Lexikon des studentischen Brauchtums; Autor: Prof. Dr. Dr. Otto Böcher