Geschichte des Wingolfs

Am umgestalteten Gefallenendenkmal
in Eisenach 1934
Nach der Machtübernahme der
Nationalsozialisten

am 30. Januar 1933 stellte sich bald heraus, dass der Wingolf als christliche Studentenverbindung bei den neuen Machthabern nicht unangefochten blieb. Eine große Mehrheit im aktiven Bund und in der Philisterschaft war jedoch entschlossen, am Wingolf festzuhalten und möglichst viel von seinem Wesen zu erhalten. Das wurde erschwert durch die
mit der Reichsregierung abgestimmte Forderung der "Deutschen Studentenschaft", die studentischen Verbände im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung nach dem Führerprinzip einzurichten. Dabei sollte als Führer eine Persönlichkeit mit nationalsozialistischer Gesinnung ausgewählt werden; außerdem sollte man den Duellstandpunkt als Ehrengesetz annehmen. Im Juni 1933 war der Wingolfsbund gezwungen, Dr. Robert Rodenhauser zum "Wingolfsführer" zu wählen. Damit war wie in den meisten anderen Verbänden das Führerprinzip eingeführt. Rodenhauser wurde als Verbandsführer in Potsdam im Juli 1933 für die Durchführung des Arierparagraphen im Wingolf haftbar gemacht, d.h. für den Ausschluss derjenigen Philister aus dem Wingolf, die jüdischer Herkunft waren. Damit stand der Wingolf vor einer Zerreißprobe. Das Lebensbundprinzip ließ eine solche Maßnahme nicht zu. Für Rodenhauser gab es keine andere Wahl: Er musste entweder die Anordnung befolgen oder den Bund auflösen. Betroffen waren 13 Philister, die aus dem Wingolfsbund ausgeschlossen wurden. Während der nationalsozialistischen Herrschaft wurde von Jahr zu Jahr deutlicher, dass der Wingolf - wie die anderen Korporationen - keine Lebensmöglichkeit mehr besaß. Nach dem vergeblichen Versuch, den Wingolf als "Christlichen Arbeitskreis" aufrecht zu erhalten, blieb im Februar 1936 nur der Weg der Selbstauflösung. Entscheidend dabei war, dass das nationalsozialistische Regime den Duellstandpunkt für alle Korporationen verbindlich gemacht hatte. 1938 musste sich auch der "Verband Alter Wingolfiten" (VAW) auflösen. Zusammenfassend ist zu sagen, dass der Wingolf zu spät erkannt hat, dass er bei dem Totalitätsanspruch des nationalsozialistischen Herrschaftssystems keine Chance hatte zu überleben. Auch wäre es aus heutiger Sicht wichtig gewesen, in der Arierfrage dem Druck des nationalsozialistischen Staates nicht nachzugeben, sondern sich bereits in diesem Zusammenhang aufzulösen.